Ein junger Speerwerfer und sein Olympiatraum

  15.06.2026    WLV Top-News WLV Wettkampf BW-Leichtathletik Top-News BW-Leichtathletik Wettkampfsport
Der 21-jährige Tübinger Nick Thumm feilt mit einer Familiengeschichte akribisch an seiner Karriere.

Deutschland ist mit sieben Olympiasiegern und Siegerinnen Speerwurfland. Und immer wieder kommen junge Werfer nach. Der Tübinger Nick Thumm hat sich nach einem schweren Radunfall mit beachtlichen Erfolgen an die nationale Spitze vorgekämpft und träumt von Olympia. 

„Es ist einfach toll, das Ding zum Fliegen zu bringen und dann hinterher zu schauen“. Das „Ding“ ist der 800 Gramm schwere Speer des 21-jährigen Nick Thumm aus Tübingen. Früher als eine der ältesten Waffen benutzt, zählt das Gerät heute zu den attraktiven Wurfdisziplinen der Leichtathletik. Einmal in der Geschichte des Speerwerfens flog das Gerät über 100 Meter. Uwe Hohn aus der ehemaligen DDR revolutionierte 1984 die Disziplin mit seinen 104,80 Metern und dem Wurf für die Ewigkeit. Weil diese Weite Lebensgefahr ins Stadion brachte, wurde der Speer verändert. Heute steht der Weltrekord des Tschechen Jan Zelezny bei 98,48 Metern .

Genau dieser Zelezny ist das Vorbild von Nick Thumm. Im Februar wurde er in Sindelfingen mit 82,03 Metern erstmals Deutscher Meister und ist damit aktuell zweitbester Deutscher hinter Olympiasieger Thomas Röhler (83,33 Meter).

Nick Thumm eiferte früh seinem Vater nach, startete seine Wurfkarriere mit 24 Metern. Seit er 16 ist, hat er fast jeden Tag einen Speer in der Hand, zum Training oder zum Wettkampf. Zum Ausgleich fuhr er mit dem Mountainbike im Schönbuch bei Tübingen, brach sich bei einem Sturz aber das Handgelenk und erlitt zudem eine Schultergelenksprengung. Statt frühem Karriereende arbeitete er mühsam am Comeback und belohnte sich 2025 mit beachtlichen Erfolgen.  Er gewann Silber bei der Universiade und bei der U23-EM und verbesserte sich in drei Jahren um zehn Meter. Mit dem DM-Titel 2026 beim Winterwurf und dem Sieg beim Europacup in Nikosia (Zypern) schaffte Thumm den Durchbruch in die nationale Spitze.

Speerwerfen ist bei Thumms eine Familiengeschichte. Vater Karsten und Mutter Isabelle bringen als studierte Sportlehrer und ehemalige Leichtathleten ihr Fachwissen ein. Karsten Thumm unterrichtet als ehemaliger BZN-Schüler  am HAP-Grieshaber-Gymnasium in Rommelsbach, Isabelle Mödinger-Thumm am Gymnasium in Hechingen. Der Vater ist für die Technik und für die Trainingsplanung zuständig, die Mutter für das Sprung- und Sprinttraining. „Speerwerfen ist Geschwindigkeit, Technik und Gesundheit“, sagt Karsten Thumm. Er weiß um die vielen (Ellbogen)Verletzungen, die Speerwerfer plagen. 

Im Vorjahr ist Nick Thumm, der an der Internationalen Hochschule (Fernuni) Erfurt Produktdesign studiert, von der LAV Tübingen zum VfB Stuttgart gewechselt und ist binnen eines Jahres hinter Zehnkampf-Weltmeister Leo Neugebauer und Mehrkämpferin Sandrina Sprengel zu einem Aushängeschild geworden. „Der VfB nimmt uns mit seiner Unterstützung viele Sorgen“, beschreibt Karsten Thumm die Speerwurf-Familiengeschichte.

Das Trio hofft, dass es für Nick Thumm jenseits der 80 Meter weiter geht. Sieben deutsche Werfer sind bereits im elitären Klub der 90 Meter-Werfer. Die deutsche Biomechanik-Analyse ist weltweit noch immer führend. „Thomas Röhler und Andreas Hoffmann sind neben Zelezny meine Vorbilder“, sagt Nick Thumm spontan. Sein Respekt ist spürbar, aber auch seine Motivation, denen nachzueifern.

Zuhause am Esstisch wird natürlich viel über Speerwerfen geredet, unzählige Videos werden gemeinsam studiert, wie kann sich Nick Thumm weiter verbessern? Der Saisoneinstieg in Osterode ist mit Platz zwei und 76,88 Meter hinter Anthony Flaming (Paraguay, 78,28 Meter) nach einer Schulterverletzung in den letzten Wochen gelungen. Das Saisonziel ist klar: die EM im August bin Birmingham und dort das Finale. 97 Zentimeter fehlen momentan noch. Spätestens bis zu den Deutschen Meisterschaften in Wattenscheid (24. bis 26. Juli) soll die EM-Norm (83 Meter) fallen. Das große Fernziel aber heißt Olympische Spiele 2028 in Los Angeles. Die Olympiabewerbung Rhein-Ruhr hat den jungen Schwaben zuletzt schon mal auf ihre Werbeplakate platziert. Bis zum großen Olympiaziel wird Nick Thumm noch oft seinem Speer hinterherrufen: „Fliiieeeg“.

Ewald Walker / wlv