Der lange Weg vom Talent zum Topathleten

 

 

„Vom Talent zum Topathleten“ heißt das Motto, das den noch 13-jährigen baden-württembergischen F-Kader-Athletinnen auf der Rückseite ihres Trainingstagebuchs als erstes auffällt. Welches der richtige Weg ist, darüber gibt es keine wirkliche Einigkeit. Zentrale oder dezentrale Förderung, früh eingreifen oder in Ruhe wachsen lassen - es gibt viele Wege, die nach "Rom" führen, wenn man sie denn konsequent beschreitet.

Baden-Württemberg scheint jedenfalls auf einem ganz guten Weg zu sein: In den DLV-Bestenlisten erreicht Baden-Württemberg gemessen an seinem Bevölkerungsanteil in der Regel deutlich überdurchschnittliche Ergebnisanteile. Bei deutschen Meisterschaften liegt Baden-Württemberg meist auf dem zweiten Rang hinter dem deutlich größeren Nordrhein-Westfalen, und in den Nachwuchsnationalmannschaften steigt der Anteil der Starter aus dem Land. Selbst bei den Europameisterschaften in Zürich und Amsterdam, den Weltmeisterschaften 2015 in Peking oder den Olympischen Spielen 2016 in Rio überwog in der wachsenden Zahl baden-württembergischer Teilnehmer die Zahl derjenigen, deren Karriere sich bis in die Anfänge der Talentförderung des Landes zurückverfolgen lassen.

Um die Basis für solche Erfolge weiterhin zu sichern, bedarf es angesichts der demographischen und soziokulturellen Veränderungen großer Anstrengungen. Die Auswertung der Bestenlisten der letzten 20 Jahre zeigt, dass das „Ausgangsniveau“ (10er-Schnitt) unserer besten Zwölfjährigen in den grundlegenden Fertigkeiten Sprint, Weitsprung und Ballwurf – insbesondere bei den Jungs - gefallen ist . In der AK 14, also nach dem ersten Jahr mit Verbandsunterstützung, ist das Niveau des 10er-Schnitts in den letzten Jahren ähnlich bis leicht steigend, bei der U20 ist es zum Teil deutlich gefallen.

Herausforderungen

Vor allem im männlichen Bereich kommen zunehmend weniger begabte Kinder in der Leichtathletik, weil sie mit ihren athletischen Fähigkeiten in den Ballsportarten früher vereinnahmt werden und dort bei entsprechender Klasse eine größere Anerkennung in der Öffentlichkeit und finanzielle Vergütung erwarten können.

Bei manchem vermeintlichen Top-Talent wird das hohe Niveau in den jüngeren Jugendklassen mit unverhältnismäßig hohem und speziellem Aufwand erreicht, so dass danach kaum noch Steigerungspotenzial für den Sprung in die Aktivenklasse vorhanden ist.

Viele von den Talenten der U16 geben unter dem Zeitdruck von Schule mit früherem Schulabschluss und alternativen Freizeitaktivitäten vorzeitig auf – vornehmlich in Zeiten von Stagnation, die eigentlich zu jeder Karriere gehören.

Und schließlich fehlen in vielen Vereinen Trainer mit entsprechender Ausbildung und den zeitlichen und räumlichen Möglichkeiten, um den Trainingsumfang so zu erhöhen, dass die Disziplinspezialisierung in aller Trainingsvielfalt vorgenommen werden kann. Meist beinhaltet die Spezialisierung bei knapper Trainingszeit die Verwendung spezieller Trainingsmittel, die die weitere Leistungsentwicklung frühzeitig einengen.

Aus diesen vielfältigen Problemen erwachsen dem Verband in Zusammenarbeit mit den Vereinen große Herausforderungen und Aufgaben für die Nachwuchsarbeit.

Talente finden

Der Verband muss ein Wettkampfsystem anbieten, das den Vereinen hilft, Talente zu finden. Ein Wettkampfsystem, das den durchschnittlich nach sechs Jahren Verweildauer im Verein eintretenden „Drop-out durch Langeweile“ zu verhindern oder zumindest hinauszuzögern vermag. Ein Wettkampfsystem, das die Schüler herausfordert und zu den im Training angestrebten Ausbildungszielen passt. Die VR-Talentiade als Schulsichtungs– und Teamwettbewerb könnte dazu der richtige Einstieg sein, schafft aber doch den hohen Einsatz, den sie von den Vereinen fordert, keine wirkliche „Durchdringung“ des Schulsports. Dem muss ein Wettkampfsystem folgen, das den kurzfristigen Interessen der Athleten und Vereinstrainer an motivierenden Erfolgen ebenso Rechnung trägt wie dem in den DLV-Rahmentrainingsplänen propagierten „Voraussetzungstraining“ als Basis für eine langfristige Leistungsentwicklung.

Talente für sich gewinnen

Der Verband muss mit seinen Maßnahmen dafür sorgen, dass junge Talente und deren Trainer erkennen, wie vielfältig und umfangreich die Aufgaben im Training sind, um Voraussetzungen für eine mögliche Karriere im Leistungssport zu schaffen. Und er muss bei beiden die Motivation stärken, diesen nicht einfachen Weg zu gehen, auch wenn zwischendurch mal der Erfolg als Bestätigung ausbleibt. Er muss Talent und Trainer für den Leistungssport gewinnen.

Talente entwickeln

Der Verband muss die Netzwerke zwischen Landes-, Verbands- und Vereinstrainern verbessern. Er muss die Trainer der Talente unterstützen und motivieren und ihnen Wege der Zusammenarbeit aufzeigen und schmackhaft machen. Und er muss junge Trainertalente fördern und entwickeln.

Viele der Talente im Flächenland Baden-Württemberg leben weit von den Trainingszentren der Verbände entfernt. Die Einführung des „Turbogymnasiums“  (G8) und die damit verbundene größere Belastung der Schüler/innen mit verstärktem Nachmittagsunterricht macht die Erreichbarkeit der Trainingszentren nicht einfacher. Deshalb muss es verschiedene Modelle der Förderung geben. Eine ausschließliche Zentralisierung überfordert im Flächenland Baden-Württemberg die jungen Talente und deren Eltern ebenso wie die vorhandenen Trainer. Abgesehen davon, dass der Fluss an Talenten versiegen wird, wenn immer mehr Training bei den hauptberuflichen Trainern abgehalten wird und die Trainer Vorort sich zurückziehen.

Daher gilt es, sich Gedanken über eine sinnvolle Kombination aus Dezentralisierung der Talentförderung und der anschließenden D-Kader-Förderung mit den zusammenführenden zentralen Maßnahmen an den Landesstützpunkten und Landessportschulen zu machen. Daraus haben sich bis dato folgende Stufen der Talentförderung entwickelt:

 

1.    VR-Talentiade

2.    Talentfördergruppen

3.    Talentsportfeste

4.    Sichtungslehrgänge

5.    F-Kader-Lehrgänge

6.    Talentstützpunkte

7.    D-Kader-Sichtungs- und Zentrallehrgänge

8.    BW-Schülercamp

9.    BW-Pfingsttrainingslager